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Gedenken an Reichspogromnacht 9.November

im Ludgerus-Dom - Billerbeck als PDF zum Download.

Begrüßung

Im Namen der Vorbereitungsgruppe begrüße ich Sie heute zum Zeitpunkt des Montagsgebetes zu einem Gebet besonderer Art:

Aus diesem besonderen Anlass sind heute die beiden siebenarmigen Leuchter entzündet, die hier rechts und links den Altarbereich flankieren und uns eindrücklich vor Augen führen, wie sehr der christliche Glaube im jüdischen verwurzelt ist. Jesus war Jude. Jesus ruft uns zum Hören auf Gottes Wort und Leben aus dem Vertrauen in Gottes Gnade.

Unser gedenkendes Gebet gilt heute der Reichsprogromnacht vom 09.11.1938 und dem Gedenken an die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bürger aus unserer Mitte während der nationalsozialistischen Herrschaft. Nie wieder soll solches geschehen. Wir bitten Gott, dass er unser Gedenken sehe, unser Gebet gnädig annehme und mit seinem Geist diese Welt erfülle, auf das der Hass schwinde und Frieden einkehre.

Darum bitten wir, die wir versammelt sind Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 73

Stille

Schon vor 82 Jahren gedachte man in Billerbeck und anderswo des 9. Novembers, wie der Tageszeitung vom 10.11.1938 unter der Überschrift „Der 9. November in Billerbeck“ zu entnehmen ist.

„Reicher Flaggenschmuck an den öffentlichen Gebäuden wie an den Privathäusern gab dem Tag, der zum 15. Male wiederkehrte, ein äußeres Gepräge und bewies die innerliche Teilnahme aller Volksgenossen an dem großen Geschehen an der Feldherrenhalle in München.“

Zur Erinnerung: Hier wird des Putschversuchs der Nazis im Jahr 1923 gedacht, der Hitler neun Monate Festungshaft einbrachte.

Ferner wird wie selbstverständlich berichtet, dass in allen Orten des Münsterlandes die „in jüdischen Händen befindlichen Geschäfte nebst Schaufenstern demoliert und die Synagogen zerstört wurden. Die Ereignisse in Billerbeck werden gesondert dargestellt:

„In Billerbeck wurden 6 Juden in Schutzhaft genommen. Wie überall, machte sich in Billerbeck der gerechte Zorn über die Mordtat von Paris Luft, und so wurden am Donnerstag an den noch in Judenhänden befindlichen Häusern die Fenster demoliert. Außerdem wurden im Laufe des Tages noch 6 Juden in Schutzhaft genommen. ... Die Juden sind Volksfeinde und sie dürfen sich gesagt sein lassen, daß sie sehr unbeliebte Gäste in Großdeutschland sind.“ So zu lesen im Billerbecker Anzeiger vom 10. November 1938.

Die zu jenem Zeitpunkt noch in Billerbeck lebenden jüdischen Menschen sind zum großen Teil seit Generationen hier zuhause.

Die damals achtjährige Dagmar Eichenwald, verh. Fritzlar, erinnert sich mit Schrecken Jahrzehnte später noch:

„Die Nazis sind da rein, in alle Häuser von den jüdischen Familien, haben alles [kaputt geschlagen] und haben die Leute mitgenommen … vor allem die Männer, ins Gefängnis, und die ganzen Türen und alles, was im Haus war, kaputt geschlagen – furchtbar war das! ...das vergisst man nie wieder, das vergisst man nicht.“

Edeltrud Marheinecke (1925 - 2017) weiß von ihrem Vater Gottfried Thomas, der in der Holthauser Straße eine kleine Leinenweberei führte, eine Begebenheit aus jener geräuschvollen Reichspogromnacht, die auch in Billerbeck für Angst und Schrecken bei der jüdischen Bevölkerung sorgte. In den frühen Morgenstunden des 10. November 1938 schloss Thomas für seine Arbeiter der ersten Schicht die Fabrikpforte auf und hörte Hilfeschreie von der Beerlager Straße. Auf seinen Ausruf: »Ich will dorthin und helfen«, verwehrten ihm bekannte SA-Soldaten den Zugang und wiesen ihn mit der Botschaft entschieden zurück: »Gottfried, geh' Du nach Haus. Die schlagen den Juden alles kaputt.«

Anna Uhlmann, geb. Albersheim, Jahrgang 1910 erinnert sich im hohen Alter voller Liebe und idealisierend an Billerbeck in der Zeit vor dem Nationalsozialismus: „... Die Gegend ist hügelig. Sie wird „Baumberge“ genannt. …Die gesamte Umgebung war idyllisch. Es war genau der richtige Ort für Kinder, um dort aufzuwachsen und für Erwachsene, dort zu leben. Es war niemals zu heiß oder zu kalt, die Luft war immer belebend….Wer hätte diese Gegend nicht lieben und gleichzeitig stolz sein mögen, hier geboren zu sein und hierher zu gehören? Die Bevölkerung von Billerbeck war überwiegend katholisch…. Es gab eine evangelische und acht jüdische Familien… Es gab keinerlei Hass.“

Stille

Angriffe auf Juden und jüdisches Eigentum gab es nicht erst ab 1933. Bereits 1923 fand der Angriff von SA-Trupps auf das Berliner Scheunenviertel statt, am 1. April 1933 der organisierte Boykott auf jüdische Geschäfte, Warenhäuser, Banken, Arztpraxen, Kanzleien… in ganz Deutschland. Sie stellen den Beginn öffentlich gelenkter und nicht geahndeter Angriffe auf Juden und jüdisches Eigentum dar. Diese Angriffe fanden ihren stärksten Ausdruck in der sogenannten „Reichskristallnacht.“

So lautet schönfärberisch die Bezeichnung für den Beginn der systematischen Judenvernichtung am 9. November 1938. Angestachelt durch SA und SS zogen Horden plündernder Gruppen durch die Straßen und zerstörten jüdische Geschäfte, holten jüdische Mitbürger aus ihren Wohnungen und transportierten sie ab, misshandelten und ermordeten sie. Auch geistiges Eigentum in Literatur, Malerei, Musik und Forschung wurde als jüdisch-entartet dargestellt und öffentlich auf Scheiterhaufen vernichtet. So wurden etwa die Werke Sigmund Freuds zur Tiefenpsychologie, Partituren zur Musik von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die Bilder von Else Meidner und die Werke vieler anderer öffentlich verbrannt.

Entgegen der nationalsozialistischen Propaganda war das Pogrom keine Äußerung des „spontanen Volkszorns“ gegenüber den Juden aufgrund eines Attentats gegen einen deutschen Diplomaten in Frankreich. Es war eine staatlich gelenkte Aktion und markiert in Deutschland und Österreich einen entscheidenden Schritt von der Diskriminierung der deutschen Juden ab 1933 hin zu ihrer immer weiter zunehmenden Entrechtung , ihrer systematischen Vertreibung und späteren Ermordung.

Zu einer Gedenkfeier 1988 in Aachen zur Erinnerung an die Pogromnacht vom 9. November 1938 hatte der Bischof von Aachen, Klaus Hemmerle folgenden Text verfasst:

Man hat meinem Gott das Haus angezündet
- und die Meinen haben es getan.
Man hat es denen weggenommen,
die mir den Namen meines Gottes schenkten
- und die Meinen haben es getan.

Man hat ihnen ihr eigenes Haus weggenommen
- und die Meinen haben es getan.
Man hat ihnen ihr Hab und Gut, ihre Ehre,
ihren Namen weggenommen
- und die Meinen haben es getan.

Man hat ihnen das Leben weggenommen
- und die Meinen haben es getan.
Die den Namen desselben Gottes anrufen,
haben dazu geschwiegen
- ja, die Meinen haben es getan.

Man sagt: Vergessen wir‘s und Schluss damit.
Das Vergessene kommt unversehens, unerkannt zurück.
Wie soll Schluss sein mit dem, was man vergisst?
Soll ich sagen: Die Meinen waren es, nicht ich?
- Nein, die Meinen haben so getan.

Was soll ich sagen?
Gott sei mir gnädig!

Was soll ich sagen?
Bewahre in mir Deinen Namen,
bewahre in mir ihren Namen,
bewahre in mir ihr Gedenken,
bewahre in mir meine Scham:

Gott, sei mir gnädig.

Stille

Deutsche Jüdinnen und Juden wurden aus ihrem Land, aus unserem Land vertrieben und und ermordet. Heute gibt es wieder jüdisches Leben in Deutschland.
Und es gibt (wieder) tätliche Angriffe auf Juden in Deutschland - nach Zahlen der Bundesregierung seit 2000 täglich etwa vier bis fünf Mal. Darunter fallen Ausgrenzungen und Brandmarkung als Juden, Beschimpfungen, Schläge, Anspucken, Beschädigungen und Entfernen der Stolpersteine, Beschmieren jüdischer Friedhöfe und Synagogen mit NS-Hakenkreuzen und Messerangriffe.

In Billerbeck lebten einst jüdische Menschen. Einige von ihnen konnten fliehen. Den meisten gelang dies nicht. Sie wurden ermordet. Ihre Namen finden sich auf der Tafel am Gedenkstein für die jüdischen Frauen, Männer und Kinder, die einst in unserer Stadt lebten. Jeder kann sie lesen – leise für sich oder laut. Jeder Name, der erinnert wird, ist noch nicht vergessen.

Wir entzünden eine Kerze,
die auch beim Verlassen des Doms noch brennt:

Rosalie Albersheim
Selma Albersheim
Wilhelmine Albersheim
Erna Bendix
Julius Bendix
Ingeborg Bendix
Albert Davids
Bertha Davids
Eva Eichenwald
Otto Eichenwald
Rolf Eichenwald
Ruth Eichenwald
Mathilde Eichenwald
Emilie Hertzmann
Julie Meyer
Ida Isaacson
Helene Kaufmann
Therese Kaufmann
Josef Nathan
Philipp Nathan
Arnold Schuster
Alfred Stein
Berthold Stein
Hannelore Stein
Herta Stein
Julia Stein
Klara Stein
Salomon Stein
Susanna Stein

Gebet „Schma Jisrael“

„Höre Jisrael. Der Ewige ist unser Gott; der Ewige ist Einer. Und du sollst den Ewigen, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deiner ganzen Kraft.“ (Deut. 6,4-5)